GWÖ-Umgangskodex

beschlossen bei der Delegiertenversammlung 2016

Einleitung

Alle Kulturen besitzen Wertesysteme und haben Regeln, um diese zu schützen. Bei der Bil- dung von Gruppen sind bestimmte Prozesse und Mechanismen zu beobachten, die das Zu- sammenleben organisieren und Richtlinien für das Verhalten ihrer Mitglieder ergeben. Ethi- sche Richtlinien sind für Bewegungen und ihre Individuen aus verschiedenen Gründen rele- vant:

  • Sie erleichtern unser Zusammenleben. Standards, Werte oder moralische Kriterien führen uns in Beziehungen mit anderen Menschen und rechtfertigen Erwartungen an uns und unser Verhalten.
  • Sie helfen uns, Konflikte zu vermeiden. Wenn Bewegungen Werte teilen und eine gemeinsame Vision haben, werden viele Konflikte vermieden; und falls sie dennoch auftau- chen, können sie in einer effizienten und friedlichen Art und Weise gelöst werden.
  • Größere Effizienz. In Bewegungen, in denen Menschen Werte teilen und die gemeinsa-

men Regeln anerkennen, werden weniger Mittel für die Koordination der Tätigkeiten auf- gewandt, und es ist wahrscheinlicher, dass alle „in die gleiche Richtung streben“.

  • Weniger Korruption. Ethisches Bewusstsein und das daraus folgende Verhalten beu-

gen einer unverhältnismäßigen Vorteilnahme vor und fördern die Loyalität zur Bewegung und zum Gemeinwohl.

  • Größere persönliche Zufriedenheit. Eine der Erfahrungen, die die Würde, das Glück

und die Motivation des/der Einzelnen am meisten untergräbt, ist eine unfaire oder unge- rechte Behandlung oder das Erleiden von Gewalt.

  • Größeres Vertrauen. Wenn eine Bewegung Werte und Richtlinien teilt, können Erwar-

tungen auf einem klar definierten, gemeinsamen Grund aufgebaut werden. Das Ge- meinschaftsleben wird einfacher, wenn die Mitglieder Sicherheit haben, dass die gemein- samen Werte und Regeln beachtet werden.

Das vorliegende Dokument, unser Umgangskodex, wurde aus der Zusammenarbeit ver- schiedener Personen aus der Bewegung entwickelt. Es wird der Kompass sein, der uns durch all die Prozesse leitet, die wir durchleben um unsere Mission zu erfüllen.

Zweck des Umgangskodex

Dieses Dokument enthält unsere Werte und Prinzipien der Zusammenarbeit. Es geht um die Haltung gegenüber den anderen, wie wir kommunizieren und wie wir Entscheidungen treffen. Dieser Kodex kann nicht die intrinsische Motivation ersetzen, sich in kooperativer, empathi- scher, gewaltfreier und wohlwollender Art und Weise gegenüber anderen zu verhalten; aber er hilft, uns daran zu erinnern, worauf wir uns mündlich geeinigt haben und wozu wir ver- pflichtet sind. Er hilft, unsere Werte zu würdigen.

Wir haben diesen Umgangskodex aus folgenden Beweggründen heraus verfasst:

  • Um uns alle einzuladen, unsere Vereinbarungen regelmäßig zu reflektieren. Ein Umgangskodex stellt die Vereinbarungen der Bewegung Schwarz auf Weiß dar. Er hilft uns, unseren Weg zu gehen und erinnert uns an unsere Werte und Prinzipien. Das Nach- denken über die Vereinbarungen der Bewegung hilft uns, Fehler und unverhältnismäßige Erwartungen zu vermeiden.
  • Um das Vertrauen innerhalb der Bewegung und der Gesellschaft zu erhöhen. Öf-

fentlich eine Verpflichtung einzugehen erhöht das Vertrauen in die Bewegung und ihre Teile, da alle, die mit der Bewegung zu tun haben, wissen was sie erwartet. Wenn ich weder eine Idee noch eine Anleitung habe, wie die Bewegung funktioniert, ist der Grad des Misstrauens höher. Die Unsicherheit darüber, wie jemand anderer in einem Konflikt reagiert, wird höher sein, als wenn ich weiß, was die vereinbarte Haltung und Vorgehens- weise ist. Dies fördert sowohl diejenigen, die sich in die Bewegung integrieren – weil sie wissen, was sie von den anderen erwarten können – als auch die Gesellschaft allgemein, die klarere Informationen über die Bewegung, ihre Funktonsweise sowie ihre Regeln und Werte hat.

Werte der GWÖ-Bewegung

Wir wollen daran erinnern, was die Vision und die Mission unserer Bewegung sind, bevor wir die Werte beschreiben, die sie definieren.

  • Mission der GWÖ =

Bekanntmachung der Gemeinwohl-Ökonomie in der Öffentlichkeit und in verschiedenen Interessens- und PionierInnen-Gruppen (BürgerInnen, Unternehmen, Gemeinden, Schu- len und Universitäten) durch Kooperation, Partizipation, gewaltfreie Kommunikation und Kultivierung unserer Werte

  • Vision der GWÖ =

System verändern, eine Gemeinwohl-Ökonomie kreieren – durch internen Wandel, alter- native Vorbilder und eine tiefere, partizipativere und direktere „souveräne“ Demokratie

  • Werte der GWÖ =

Menschenwürde (gleicher Wert gleiche Rechte)

Solidarität

Ökologische Nachhaltigkeit Soziale Gerechtigkeit

Demokratische Mitbestimmung und Transparenz

Diese Werte bestimmen den Kern der Kultur der Bewegung, weil sie unsere Beziehungen gedeihen lassen, und wir aus der wissenschaftlichen Forschung wissen, dass gelingende Beziehungen die Hauptquelle von Motivation und Glück für Menschen darstellen.

Prinzipien der Zusammenarbeit

Das Engagement in der Gemeinwohl-Ökonomie steht grundsätzlich allen Menschen offen. Jede Person ist eine wertvolle Bereicherung der internationalen Bewegung. Gleichzeitig wol- len wir uns in einem möglichst hohen Bewusstsein für gelingende Beziehungen und freudvol- le Kooperation engagieren. Um Unstimmigkeiten und Missverständnisse zu minimieren, er- kläre ich, den Geist des gemeinsamen Engagements mitzutragen:

Grundhaltung:

  • Ich lebe die Werte der GWÖ bestmöglich.
  • Ich gehe davon aus, dass auch jede/r andere Aktive das Beste für die GWÖ will. Den Menschen in der Bewegung begegne ich daher wohlwollend und offen. Jede/r Aktive bekommt einen Vertrauensvorschuss.
  • Gleichzeitig bleibe ich im Interesse der gesamten Bewegung achtsam. Wenn ich das Ge-

fühl habe, dass gewisse Dinge falsch laufen, äußere ich meine Bedenken und versuche, diese im Rahmen einer konstruktiven Debatte gemeinsam mit den anderen Betroffenen auszuräumen. Ich werde auch helfen, eine Lösung zu implementieren. Als Leitstern dient dabei die Vision der GWÖ.

  • Wenn ich gern hätte, dass in Zukunft bestimmte Dinge passieren, dann bringe ich mich

selbst ein und stelle nicht nur Forderungen auf. Wenn ich mich aus irgendwelchen Grün- den nicht mehr einbringen kann, kann ich trotzdem jederzeit konstruktives Feedback ge- ben oder neue Ideen in den Raum stellen. Ich darf jedoch nicht davon ausgehen, dass meine Vorschläge auch umgesetzt werden.

  • Ich bringe mich in die GWÖ genau dort ein, wo ich eine starke innere Motivation verspü-

re. Ich informiere mich, ob an diesem Thema schon gearbeitet wird. Falls es dafür schon Aktive gibt, schließe ich mich mit ihnen zusammen. Ist das nicht möglich, beginne ich in diesem Bereich selbst etwas aufzubauen und kommuniziere es an die Bewegung. Es ist okay, wenn man sich um bestimmte Dinge nicht kümmert oder niemand die Motivation oder Fähigkeiten hat, diese Aufgaben zu übernehmen.

  • Vereinbarungen sind verbindlich. Sollte sich zeigen, dass die Einhaltung einer getroffe-

nen Vereinbarung aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, setze ich davon all die- jenigen, mit denen die Vereinbarung getroffen wurde, in Kenntnis, und suche gemeinsam mit ihnen eine Lösung.

  • Wenn ich die Verantwortung für eine Tätigkeit übernehme, gebe ich mein Bestes, um

meine Arbeit innerhalb der vereinbarten Zeit in einer verlässlichen Form fertigzustellen.

  • Wenn ich die Verantwortung für eine Tätigkeit zurückgeben möchte, teile ich dies zu einem Zeitpunkt mit, der es anderen erlaubt, eine/n geeignete/n Nachfolger/in zu finden, und helfe auch aktiv bei der Suche mit. Ich sorge auch für eine sorgfältige Übergabe aller Informationen, Dokumente, Zugangscodes etc. und kümmere mich darum, dass ich nicht mehr als Kontakt- oder Koordinationsperson im Internet aufscheine.
  • Bevor ich die Verantwortung für eine Tätigkeit übernehme, sorge ich dafür, dass sie klar

definiert ist. Kommt es im Laufe des Prozesses zu Unstimmigkeiten in Bezug auf die Zu- ständigkeiten, führe ich eine Nachklärung herbei.

  • Wenn ich merke, dass ich in der Gruppe bzw. Bewegung keinen breiten Rückhalt mehr

habe, stelle ich meine Position zur Disposition.

  • Ich erkundige mich auf der GWÖ-Website über die existierenden Kommunikationskanäle und Entscheidungsregeln, bevor ich etwas Relevantes kommuniziere oder eine Entschei- dung über meine Verpflichtungen treffe.

Wie kommunizieren wir?

  • Ich begegne allen anderen Aktiven mit Wertschätzung, Respekt und auf Augenhöhe. Ich gebe mein Bestes, um offen und ehrlich zu sein sowie Transparenz – und damit Vertrau- en – zu schaffen.
  • Ich anerkenne, dass ich Mitverantwortung für eine gelungene Kommunikation trage.
  • Ich sage meine Meinung, akzeptiere aber auch die Meinung der anderen. Wenn ich die Sichtweise einer anderen Person nicht verstehe, frage ich nach, bis ich Klarheit erlange. Wenn ich bemerke, dass zentrale Begriffe unterschiedlich verstanden werden, führe ich ein gemeinsames Verständnis herbei.
  • Erfolgreiche Kommunikation ist wichtig für mich und ich helfe dabei, sie zu erreichen (z.B.

mit einem „Danke“ oder durch die Nutzung der Methoden gewaltfreier Kommunikation).

  • Ich strebe persönliche Gespräche und Treffen an. Ist dies nicht möglich, gebe ich Tele- fon- und Skype-Gesprächen den Vorzug gegenüber Schriftverkehr. Mails dienen in der Regel nur dem sachlichen Informationsaustausch. Sobald die Sache emotional wird, su- che ich persönlichere Formen der Kommunikation.
  • In Diskussionen überlege ich mir gut, was ich konstruktiv beitragen kann, um ein gutes

Ergebnis zu erzielen. Alles, was nicht weiser ist als die Stille, darf unausgesprochen blei- ben.

  • Ich unterstelle allen anderen stets positive Absichten. Wenn mich Dinge bei einer ande-

ren Person stören, spreche ich sie persönlich darauf an. Dabei darf ich auch Emotionen zeigen. Ich bemühe mich, niemanden zu demütigen. Ich warte stattdessen auf einen ge- eigneten Moment, um mein Problem anzusprechen. Wenn das nicht möglich ist, wende ich mich an die ModeratorInnen oder KoordinatorInnen der Gruppe.

  • Ich bin mir bewusst, dass die Art und Weise, wie ich öffentlich über die GWÖ spreche,

die Bewegung als Ganzes betreffen kann. Beim Äußern von negativen Aspekten gehe ich besonders achtsam vor.

Was und wie entscheide ich?

  • Grundsätzlich handle ich eigenständig. Alles wird im kleinstmöglichen Kreis der Betroffe- nen entschieden.
  • Die Freiheit des/der Einzelne/n endet dort, wo die Freiheit der/des Andere/n beginnt: Kei- ner hat das Recht, ohne Mandat über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu entscheiden. Das gilt für einzelne Personen genauso wie für AkteurInnen-Kreise oder Energiefelder.
  • Wenn ich mir sicher bin, dass von meinem Vorhaben kein/e andere/r Aktive/r betroffen

ist, entscheide ich selbst.

  • Wenn hingegen andere Aktive betroffen sein könnten, kläre ich sie über mein Vorhaben auf und wir entscheiden gemeinsam über die weitere Vorgehensweise. Das kann auf bi- lateraler Ebene ebenso passieren wie bei Energiefeld-Treffen, in AkteurInnen-Kreisen oder im Rahmen der Delegiertenversammlung – je nachdem, wer betroffen ist.
  • Ausgenommen davon ist der Fall, dass eine Person oder eine Gruppe demokratisch legi-

timiert wurde, Entscheidungen zu treffen, die andere Personen oder Gruppen betreffen. Ein Beispiel dafür sind die Entscheidungsspielräume des internationalen Koordinations- teams.

  • Ich halte den Ebenen-Weg ein: Wenn ich einen Vorschlag für die gesamte Bewegung

habe, unterbreite ich diesen zuerst meinem Energiefeld oder AkteurInnen-Kreis. Wenn

das EF / der AK den Vorschlag unterstützt, werde ich ihn der gesamten Bewegung präsentieren.

  • Wenn ich eine Idee umsetzen möchte, suche ich den passenden Leitfaden und die zu-

ständigen Ansprechpersonen auf http://movement.ecogood.org (z.B. für Projekte, Ener- giefelder, AkteurInnen-Kreise).

  • Grundsätzlich können legitimierte Gruppen im Rahmen ihrer Spielräume autonom ent-

scheiden. Sind mehrere Gruppen betroffen, entscheiden sie gemeinsam. Ist die gesamte Bewegung betroffen, entscheidet die Delegiertenversammlung. Im Zweifelsfall frage ich / fragt meine Gruppe zurück (Konsultationsprinzip).

Wie wird entschieden?

  • In der GWÖ wird grundsätzlich demokratisch entschieden.
  • Wir empfehlen
    1. Konsens,
    2. Konsent,
    3. Systemisches Konsensieren.

Beschluss der GWÖ-Delegiertenversammlung 2016 (korrigierte Version vom November 2016) Redaktion: christian.kozina@ecogood.org